
Das Handy ist womöglich das beste Propagandamittel, das die rechtsextreme Szene nutzen kann, um junge Menschen jeden Tag zu mobilisieren. Auf dieser Seite bündeln wir Materialien, die Lehrkräfte, Sozialarbeiter*innen und andere Multiplikator*innen im Alltag einsetzen können.
Für wen ist dieses Material?
Diese Seite richtet sich an Menschen, die mit Jugendlichen arbeiten – Lehrer*innen, Sozialarbeitende, Jugendleiter*innen, Eltern. Wir bringen Videos, Fakten und Symbol-Übersichten zusammen, die im Unterricht oder Gruppengespräch direkt einsetzbar sind.
Wie du das Material nutzen kannst
- Als Einstieg: Ein Video und zehn Minuten Diskussion – gute Türöffner für schwierige Themen.
- Als Faktengrundlage: Wenn im Klassenraum Behauptungen kursieren – z. B. „Migranten sind krimineller“ – gibt es hier belastbare Zahlen zum Kontern.
- Als Symbol-Lexikon: Was bedeutet die White-Power-Faust? Wofür steht #120db? Was hat es mit Tradwives auf sich? Kompakt erklärt.
Workshop an deiner Schule?
Unser stellvertretender Vorsitzender Leonard Kunz kommt gerne zu euch – zu den Themen „Was ist Demokratie?“, „Rechtsextremismus auf Social Media“, „Warum Wählen wichtig ist?“.
→ Mehr über unsere Projektarbeit an Schulen · → Direkt anfragen
Grundlagen
Bei sich selbst anfangen
Bevor wir über rechte Rhetorik und Fakten reden, hilft ein Blick auf uns selbst. Wir sind alle rassistisch geprägt und tragen Stereotype in uns, die perfekten Nährboden für populistische Narrative bieten. Diese Prägung zu erkennen ist der erste Schritt – für uns wie für die Schüler*innen.
Was ist Populismus?
Eine der ersten Fragen im Unterricht: „Was ist Populismus, und wie sollten wir damit umgehen?“ Dieses kurze Erklärvideo funktioniert ab Mittelstufe.
▶ Video: Populismus kurz erklärt (PoWi LK)
YouTube · ca. 5 Minuten · gut für Diskussions-Einstieg
Der Beutelsbacher Konsens: Warum Aufklärung Pflicht ist
Als Lehrkraft bist du nicht neutralitätsverpflichtet gegenüber verfassungsfeindlichen Positionen. Im Gegenteil: Der Beutelsbacher Konsens gibt dir den Auftrag, über extremistische Strömungen und ihre Strategien aufzuklären.
Konkret: Über die AfD und die Strukturen der neuen Rechten zu informieren ist keine parteiische Handlung – sondern politische Bildung im Sinne der Verfassung.
Wie die neue Rechte Jugendliche erreicht
Der Algorithmus: 90 Minuten Zugriff pro Tag
Im Schnitt verbringen Jugendliche ca. 90 Minuten täglich auf TikTok. Erik Ahrens, Kampagnenmanager der AfD, hat das offen ausgesprochen:
„Man hat 90 Minuten am Tag ein Fenster in deren Gehirn, wo man reinsenden kann.“
Bei den Landtagswahlen 2024 in Thüringen, Sachsen und Brandenburg waren 71 % aller politischen Inhalte auf TikTok bei Erstwähler*innen von der AfD.

Tarn-Influencer: sympathisch, aber nicht harmlos
Die neuen Rechten tragen keine Springerstiefel mehr. Sie haben blonden Mittelscheitel, machen witzige Reels und lustige Kommentare. Zwischen den Zeilen: Ausländer-, Queer- und Demokratiefeindlichkeit.
Wichtige Akteure zum Kennenlernen:
- Maximilian Krah – Emotionale, schnell geschnittene Videos, nie länger als 1–2 Min.
- „Ketzer der Neuzeit“ (YouTube) – Wirkt komödiantisch, verbreitet aber systematisch rechtsextreme Frames.
- „eingollan“ – Ähnliches Muster: unterhaltsam an der Oberfläche, gefährlich in der Botschaft.

Beispiel für den Unterricht: „Nein zu noch mehr Flüchtlingen!“
Analysiert im Klassenraum konkrete Beiträge. Fragt: Was passiert, wenn man diesen Post jeden Tag sieht? Rassistische und antisemitische Kommentar-Threads sind auf TikTok Alltag.

Social Bots – 24/7 künstliche Zustimmung
Die neuen Rechten erstellen Social Bots: KI-Roboter, die rund um die Uhr Kommentare schreiben, um das Gefühl breiter Zustimmung zu konstruieren. Das nutzt einen einfachen sozialen Mechanismus: Wenn viele es sagen, muss was dran sein.

Junge Nationalisten (JN)
Die Jungen Nationalisten sind die offizielle Jugendorganisation der Partei „Die Heimat“ (ehemals NPD) – heute eine der größten rechtsextremen Jugendorganisationen. Sie veranstalten Demonstrationen gegen LGBTQ- und Migrant*innen-Themen, Zeltlager mit nationalsozialistischen Denkmustern und produzieren TikTok-Propaganda.
▶ ZDF-Doku: „Jung. Radikal. Organisiert.“
ZDF-Mediathek · empfohlen als 45-Min-Einheit
Symbole und Bewegungen erkennen
White-Power-Faust
„White Power“ bedeutet „Weiße Macht“ – Gegenstück zur schwarzen Faust der Black-Power-Bewegung. Meistgebrauchter Slogan der neonazistischen Skinhead-Szene weltweit, mittlerweile von rechtsextremen Jugendgruppen übernommen. Findet sich als T-Shirt-Aufdruck, Aufnäher, Anstecker.

Tradwife-Bewegung
Auf Social Media verbreitet die Tradwife-Bewegung ein Frauenbild aus den 30er–50er Jahren: Die Frau als „perfekte deutsche Mutter“. Wichtig sind: weiß, blauäugig, hübsch. Junge Mädchen lernen in JN-Camps: Haare flechten, Blumen pflücken, kochen – „wie eine deutsche Frau zu sein hat“. Das gleiche Familienbild zeichnet die AfD in ihrem Wahlprogramm.

Identitäre Bewegung
Angeführt von Martin Sellner. Neu: Die Organisation stellt sich vor Schulhöfe und verteilt attraktiv designte Flyer, die Schule als Institution anzweifeln. Ihr Ziel: Rekrutierung junger Menschen mit modernem Design und provokantem Content.

#120db – Feminismus als Instrument
Die Bewegung #120db spricht Werte an, die wir alle unterschreiben würden: Schutz von Frauen, Aufklärung über sexuelle Gewalt. Das Problem: Sie macht ausschließlich „den ausländischen Mann“ zum Täter. Frauenrechte werden hier instrumentalisiert, um „Remigration“ (Millionen-Deportationen) zu begründen.

▶ Video: #120db erklärt
YouTube · Wie rechte Frauenbewegungen funktionieren
Fakten gegen Narrative
Wenn im Klassenraum die Behauptung fällt, „Migration bringt Kriminalität“, helfen belastbare Zahlen:
Migration und Kriminalität
- 2019–2022: Knapp 1,2 Mio. Geflüchtete kamen nach Deutschland. Der Anteil zugewanderter Tatverdächtiger sank im selben Zeitraum von 8,0 % auf 7,4 %.
- 1993: 650 Morde in Deutschland bei 7 Mio. „Nicht-Deutschen“.
2023: 214 Morde bei 14 Mio. „Nicht-Deutschen“. - Auch das Ifo-Institut belegt: Migration korreliert nicht mit steigender Kriminalität.
- Hauptrisikofaktoren für Gewalttaten: männliches Geschlecht und psychische Erkrankungen – unabhängig von Herkunft.
Wo die Verzerrung entsteht: die Medien
Rund 85 % aller Medienberichte über Straftaten thematisieren Nicht-Deutsche – obwohl diese 2023 nur 33,3 % der Tatverdächtigen ausmachten. Diese verzerrte Berichterstattung ist perfekter Nährboden für AfD und andere rechtsextreme Gruppierungen.

Was Führungsfiguren sagen, wenn sie sich unbeobachtet fühlen
„Am Ende können wir die immer noch alle erschießen oder vergasen oder wie du willst.“
– Christian Lüth (AfD), 2020
Solche Aussagen erscheinen nicht als Erstes im TikTok-Feed. Aber sie zeigen, wohin die Denkmuster führen, die im Alltag der Plattformen normalisiert werden.
Was Lehrkräfte tun können
Im Netz konkret handeln
- Rechte Beiträge nicht teilen – auch nicht ironisch. Jede Interaktion erzeugt neue Reichweite.
- Melden statt kommentieren. Beiträge und Accounts an die Plattformen und ggf. an Meldestellen weitergeben.
- Wenn kommentieren, dann kurz und klar dagegenhalten – ohne Diskussions-Spirale.
- Demokratischen Accounts folgen und interagieren – das trainiert den Algorithmus.
- Sich selbst und andere zu echtem Engagement ermutigen (Verein, Demo, Kommunalpolitik).
Wenn Sympathisant*innen in der Klasse sitzen
Wenn du bei Schüler*innen Anzeichen für Sympathie mit der rechten Szene bemerkst: Aussteiger*innen-Geschichten wirken. Jugendliche geraten oft nicht aus Ideologie in die Szene, sondern aus dem Wunsch nach Zugehörigkeit, Halt und Bedeutung.
▶ Video: Aussteiger*innen erzählen
YouTube · für die Diskussion in der Klasse
Bei akuteren Fällen: Kontakt mit der „Roten Linie“ – Beratungsstelle für Angehörige und Umfeld von Radikalisierten.
Workshop anfragen
Bringt uns in eure Schule
Wir kommen mit dem Workshop „Rechtsextremismus auf Social Media“ in eure Klasse, an eure Konferenz oder in euer Jugendzentrum. Ausgezeichnet mit dem Ehrenamtspreis für junge Menschen der Bürgerstiftung Mittelhessen und dem Otto-Wels-Preis für Demokratie 2025.
Alle hier gezeigten Screenshots und Zahlen können auch für eigene Präsentationen verwendet werden. Auf Anfrage stellen wir Foliensätze und Handouts zur Verfügung.